Die Basis ist gefordert

Aufgefallen: Die aktuellen deutschen Misserfolge in Wimbledon sind nur die Spitze des Eisberges
Ein Kommentar/Meinung von Marc Raffel
Na klar, wir deutschen Tennisfans sind enttäuscht von den Leistungen unserer Cracks zur Zeit in Wimbledon. Aber mal ehrlich: Verfügen wir eigentlich hier in Deutschland über ein so leistungsfähiges Talent- u. Fördersystem, dass wir ein Recht auf Enttäuschung haben? Tun wir wirklich so viel für unseren Nachwuchs, dass unsere Ansprüche angemessen sind? Sind die vergangenen Erfolge der Kerbers, Petkovics, Lisickis und Zverevs (übrigens alle Sportler mit einem osteuropäischen Hintergrund) ehrliche Lichtblicke unserer öffentlichen Trainings- u. Nachwuchsarbeit? Ich habe meinen Sohn in dieser Tennis-Sommersaison zu seinen Medenspielen in der Altersklasse U12 des Öfteren begleitet und konnte mir ein Bild vom sportlichen Zustand seines Teams und seiner Gegner machen. Ich habe mir in vielen Vereinen im Raum Großraum Köln, Düsseldorf und Umgebung in diesem Frühjahr die Tennisangebote und Projekte für Kinder und Jugendliche angeschaut und komme schließlich und endlich zu einem verheerenden Bild.
Der Zustand des Kinder- u. Jugendtennis in vielen Vereinen ist ein Spiegelbild der ernüchternden Situation im deutschen Spitzentennis und der internationalen Resultate, nicht nur in Wimbledon. Warum ist das so? Während in anderen Sportarten die Dachverbände und Spitzenclubs ein professionelles Scouting durchführen (der Fußball Spitzenclub Paris St. Germain eröffnet beispielsweise bald zwei Talentstützpunkte in NRW) und durchdachte Trainings- u. Betreuungskonzepte leben, ist die Tenniskarriere eines deutschen Kindes oder Jugendlichen fast ausschließlich auf das private Engagement der Familie angewiesen. Von dem typischen deutschen Tennisverein ist zu diesem Thema heute und wohl leider auch in der Zukunft nicht mehr viel zu erwarten.

Die Babyboomer wurden durch Vereine & Verbände getragen

Stamme ich noch aus einer Tennis-Generation, die vom Engagement der Clubs und Verbände getragen wurde, sind die heutigen Tenniskinder und Jugendlichen sich selbst überlassen. Nun weisen viele Clubs auf Ihre vielen, kleinen Projekte wie Ferienangebote und Clubmeisterschaften hin, mit ambitioniertem Tennissport hat all dies leider jedoch nichts zu tun. Kinder benötigen Motivation durch Vorbilder, vorgezeichnete Perspektiven und ein durchaus leistungsorientiertes Umfeld. Liefen zu meinen Jugendzeiten in den Tennis-Clubhäusern während der Grand Slam Turniere die TV Geräte heiß, regiert heutzutage eine schwarze TV Mattscheibe die Clubhäuser. Viele Aktive und Gastronome wissen teils gar nicht, dass gerade ein Tennis Grand Slam Turnier übertragen wird.

Allein Eurosport überträgt gebührenfrei so viele Tennisstunden, die reichen würden, um bei Kindern und Jugendlichen wieder zu begeistern. Und da bin ich wieder bei den Gegnermannschaften meines Sohnes: Viele Kinder spielten Medenspiele, konnten jedoch nicht zählen, kannten keinen Rückhand- und Vorhandgriff, wussten nicht so richtig, wo sie sich auf dem Platz hinstellen sollten und antworteten auf die Frage, ob sie schon mal ein professionelles Tennismatch im Fernsehen oder gar live gesehen hätten sehr schnell und überzeugend mit „nein“. Die Chancen, dass sich dieses Bild im Laufe dieser Tenniskarrieren in ihren Vereinen ändert, geht gegen null. Natürlich schleppen sich viele Vereine durch unsere „Babyboomer“ in den Senioren- und Altersklassen von Saison zu Saison, aber wie sehen die Tennisvereine in weingen Jahren aus? Neben der Demografiefalle wird sich das jahrzehntelange Desinteresse an wirklich leistungsfähigen Förderstrukturen und das notorische Festhalten an längst nicht mehr aktuellen Gesellschaftsbildern bitter rächen können.